Steckbrief
Oberamtsrat Dreesen

Oberamtsrat Dreesen ist eigentlich der wiehernde Amtsschimmel in Person.
Der trockene Bürostubenhocker ist nicht zu groß geraten, und auch nicht zu schlank.
Graue Socken und Puschen sind seine Erkennungszeichen im Dienst.
Doch im Krimi Bädersterben brezelt er sich für eine Dame auf, die nicht unwichtig ist.

Foto

Dreesen ist der Ansicht, dass Landesbedienstete nichts auf Fotografien zu suchen haben. Schon gar nicht im Teufelszeug Internet.
Seine Olsch, die ihn nach der Trennung wie eine Weihnachtsgans erfolgreich ausgenommen hat, die hat mir jetzt ein älteres Foto von ihm gesendet, als es ihm noch gut ging.
Besser als kein Foto.

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Telefonat mit Oberamtsrat Dreesen

Unbarmherzig klingelte mein Telefon. Den Namen auf dem Display erkannte ich sofort. Das war Oberamtsrat Dreesen aus der Staatskanzlei. Ich konnte nie den Verdacht abstreifen, dass Stuhr den nur erfunden hatte.
Neugierig nahm ich den Hörer ab. Eine energische Stimme blaffte mich an. „Dreesen am Apparat. Staatskanzlei. Sie sind Herr Geisler? Der mit diesem Nordsee-Krimi im Gmeiner-Verlag mit dem bunten Titelbild?“
Buntes Titelbild? Wenn jemand mal etwas erfinden könnte, mit dem man andere Menschen am Telefon erschlagen könnte, dann wäre ich für eine Spende durchaus bereit. Wenngleich der Beginn des Gespräches nicht in ausgesprochen freundschaftlicher Atmosphäre ablief, gab ich mich dennoch als Autor von Bädersterben zu erkennen.
„Können Sie mir bitte Ihren Vor- und Nachnamen einmal genau buchstabieren? Wenn es geht, auch die Adresse hinterher. Sie wissen schon.“
Nein, nichts wusste ich, und langsam wurde ich stinkig. „Wozu benötigen sie denn meine Adressdaten? Mein Name steht auf dem Buch, und meine Adresse können Sie von Stuhr erfahren.“
„Ihre Adresse benötige ich lediglich für unsere Hausjuristen, damit Ihnen die Unterlassungserklärung mitsamt der Schadensersatzforderung auch fristgemäß zugehen kann. Die 100.000 Euro sind nur eine Hausnummer, meistens kommen die Beklagten ein wenig günstiger davon. Sie als Krimiautor werden vermutlich ein großes Interesse an Rechtssicherheit haben.“
Natürlich hatte ich Interesse an Rechtssicherheit, aber an einer Schadensersatzklage weniger. Stuhr musste mir helfen, seinen alten Oberamtsrat einzukriegen. Doch Stuhr habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Er schien einem neuen Fall von Kommissar Hansen hinterher zu hecheln. So spielte ich den Ball zurück. „Wenn man fragen darf, Herr Dreesen. Haben Sie Stuhr in letzter Zeit gesehen?“
Das gequälte Aufstöhnen am anderen Ende des Telefons verwunderte mich nicht, aber die Reaktion von Dreesen schon. „Nein, aber dass ich ihn vermisse, das kann ich auch nicht sagen. Er hat mich angeschissen, und Sie haben diesen geistigen Dünnschiss ja auch genüsslich zu Ihrem Vorteil zu Papier gebracht.“
Richtig. Das ist schließlich das Salz in der Suppe beim Bücherschreiben. Doch es schien vernünftig zu sein, vorsichtiger zu agieren.
Dreesen schien das zu spüren. "Ich weiß, Herr Geisler, dass Sie Menschen wie mich nicht ernst nehmen. Aber sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn sie von ihrer ehemaligen Frau gejagt werden. Mein Schwiegersohn ist darüber hinaus  Anwalt und hat noch keine feste Anstellung. Sein einziges Ziel ist es, seiner Mutter rechtlich bestmöglichst beizustehen. Tag und Nacht schreibt er Pamphlete gegen mich. Das heißt, wenn ich nach 8,7 Stunden Bürotätigkeit nachhause komme, dann hat dieser Sack schon 8,7 Stunden gegen mich gearbeitet. Und dann kommt noch ein überflüssiger Krimi wie Ihrer auf den Markt und schlägt in dieselbe Kerbe.“
Es schien Sinn zu machen, sich auf Dreesens instabile Seelenlage einzustellen. "Ohne aufdringlich sein zu wollen, Herr Dreesen. Was hat Ihre ehemalige Frau denn gegen Sie schon in der Hand?“
„Alles, Herr Geisler. Alle Trümpfe. Sie arbeitet nicht, sie sitzt wie eine Glucke im Haus, und mit ihrem Sohn hat sie es geschafft, mich auf den Selbstbehalt herunter zu pfänden. Wenn Stuhr mir nicht manchmal geholfen hätte, dann gäbe es mich vielleicht nicht schon gar nicht mehr. Dann hätten Sie mich seitenweise aus Ihrem Krimi entfernen müssen.“
Ich versuchte, ihn aufzumuntern. „Aber Herr Dreesen, Geld ist doch nicht alles, oder?“
Dreesen lachte kurz auf. „Nein, wahrlich nicht. Aber wenn man im Büro und zuhause nur noch gehetzt wird, dann macht das Leben wenig Spaß. Schließlich habe ich nicht den ganzen Tag wie Sie Zeit, zuhause faulenzend Sachen auf Papier zu bringen, die andere erledigt haben.“
Hier wurde ich stutzig. „Wie kommen Sie denn darauf, Herr Dreesen?“
Meinen kritischen Unterton schien Dreesen bemerkt zu haben. „Das kommt nicht von mir, Herr Geisler. Nein, das ist Originalton Stuhr. Ich würde mir niemals erlauben, über Sie ein solches Urteil abzulegen. Aber Sie wissen ja, wie Stuhr manchmal sosein kann. Seine Oberflächlichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und dass er nie seine Sachen zu Ende bekommt.“
Ich musste Helge Stuhr jetzt in den Schutz nehmen, denn schließlich war er eine der wichtigsten Romanfiguren in meinem Universum.
„Herr Dreesen, aber Fehler haben wir doch alle. Warum sollte ausgerechnet Stuhr ein wandelnder Heiliger sein?
"Herr Geisler, Sie dürfen bitte nicht vergessen, Stuhr hat in seinem Leben immer viel Glück gehabt. Er hat es nur oft nicht erkannt. Ich dagegen bin zufrieden, wenn ich meine Miete bezahlen kann und mir abends noch ein Bier genehmigen kann. Meine Ansprüche sind bescheiden. Wie es ganz eng bei mir war, da hatte ich manchmal nicht einmal mehr mein Bierchen am Ende des Tages. "
Das Gejammer ging mir langsam auf den Zeiger. "Ja, Herr Dreesen, so ist es nun einmal. Dem Geld laufen wir schließlich alle hinterher. Aber ich denke, es gibt viele Menschen, denen es weitaus schlechter geht als uns. Und wo Stuhr ist, das weiß ich beim besten Willen nicht. Rufen Sie doch einmal Kommissar Hansen an. Vielleicht weiß der mehr?
Dreesen wurde störrisch. „Hansen, Hansen, Hansen. Er ist doch längst mit seinem neuen Fall am alten Kieler Wasserturm beschäftigt.“
Richtig. Davon hatte ich auch schon gehört. Vorsichtig wurde ich nach. "Ein neuer Fall?"
„Ja, ja. Deswegen muss ich ja Stuhr so dringend sprechen. Aber wenn Sie mir nicht helfen können, dann nichts für ungut. Guten Tag."
Mühselig versuchte ich, das Gespräch am Leben zu erhalten. Doch Dreesen hat das Telefonat bereits beendet.
Mist, ich hätte gerne mehr über den neuen Fall erfahren.

Oberamtsrat Dreesen

Dreesen gehört der Kaste der Oberamtsräte an, der Stütze der deutschen Verwaltung, wie er immer betont.
Normalerweise ist ein Verwaltungsbeamter zwar verpflichtet, den politischen Willen der Regierung umzusetzen, doch selbst Stuhr musste bereits in seiner früheren Tätigkeit als Landesbeamter im Höheren Dienst oft die Erfahrung machen, dass gerade die Endstufe im gehobenen Dienst, die Oberamtsräte, einen an einer schier endlosen Verwaltungswand verhungern lassen konnten, die mächtiger als die Chinesische Mauer sein konnte, und dieses Bauwerk soll immerhin vom Mond her sichtbar sein.
Denn egal ob es sich um lebensbedrohliche Tatbestände, die in Behörden allerdings so gut wie nie vorkamen, oder schlicht nur um Routinesachen handelte, Dreesen zeigte immer allen deutlich, dass ohne ihn überhaupt nichts gehen konnte. Von eiligen Vorgängen zog er sich sowieso zunächst immer, wie er es nannte, eine Tageskopie und legte dann das Original erst einmal auf Eis, um die treibenden Bewegungskräfte aus den höheren Etagen zu entschleunigen.
Dreesen war schon ein erstaunlich schroffer Mensch. Nur ein Oberamtsrat kann sich das leisten, denn der hat die höchste Stufe des gehobenen Dienstes erreicht. Und wenn er älter als 45 war, und das waren die meisten von ihnen, dann war ein Laufbahnwechsel in den Höheren Dienst nicht mehr möglich. Das bedeutete EdeKa, das „Ende der Karriere“, wie die Kollegen gerne witzelten.
So kleben Oberamtsräte am höchsten Amt des gehobenen Dienstes zwar fest, doch wenn ein Beamter keine Angst mehr haben muss, nicht mehr befördert zu werden, dann ändert sich seine Einstellung zu den Dingen grundlegend und er entwickelt Mut. Darüber hinaus lieben sie es, Vorgänge 'abzueseln' und dabei Mitarbeiter aus anderen Abteilungen oder Häusern zu belehren.
Dreesens größtes dienstliches Problem ist der etwaig nicht sichergestellte Haushaltsmittelabfluss. Wenn der nicht bis zum Jahresende gewährleistet war, dann konnte Dreesen weder nachts im Bett noch tagsüber im Büro ruhig schlafen.